Wenn du mit Kindern zeitweise im Ausland lebst, kommt diese Frage irgendwann — meist abends, wenn alles andere organisiert ist: Wie soll unser Kind eigentlich lernen, wenn wir nicht das ganze Jahr an einem Ort sind? Wir haben diesen Prozess selbst durchlebt und uns damals genau so einen Überblick gewünscht. Hier ist er — sachlich, mit Stand Juli 2026.
Schulpflicht ist nicht gleich Schulpflicht
Der wichtigste Unterschied, den kaum jemand kennt: Es gibt zwei völlig verschiedene Modelle.
Schulanwesenheitspflicht heißt: Das Kind muss physisch eine Schule besuchen. So ist es in Deutschland — Homeschooling ist dort, abgesehen von seltenen medizinischen Ausnahmen, praktisch ausgeschlossen.
Bildungs- bzw. Unterrichtspflicht heißt: Bildung ist Pflicht, der Ort ist frei. So ist es in Österreich — Eltern melden den häuslichen Unterricht der Bildungsdirektion und die Kinder legen einmal im Jahr Prüfungen an einer Schule ab. Diese eine Weiche entscheidet fast alles.
Wo Homeschooling grundsätzlich möglich ist
Österreich erlaubt häuslichen Unterricht während der neunjährigen Schulpflicht: jährliche Meldung, gleichwertiger Unterricht, jährliche Externistenprüfungen. Irland schützt häusliche Bildung sogar in der Verfassung; Familien lassen sich in ein staatliches Register aufnehmen. In den USA ist Homeschooling in allen 50 Bundesstaaten legal, die Auflagen reichen je nach Staat von einer einfachen Anzeige bis zu Bildungsplänen und Tests. Auch in Kanada ist es in allen Provinzen legal, unterschiedlich streng geregelt. England und Wales waren bisher liberal („education otherwise“) — aber Achtung: Seit Ende 2024 läuft ein Gesetzgebungsverfahren (Children’s Wellbeing and Schools Bill), das ein nationales Register und weitreichende Kontrollrechte der Behörden bringen soll. Wer mit Großbritannien plant, sollte das Verfahren im Blick behalten.
Wo es erlaubt, aber streng reguliert ist
Polen ist planbarer als viele denken: einmalige Genehmigung pro Bildungsabschnitt (nicht jedes Jahr neu), dafür jährliche Prüfungen an der Schule, an der das Kind eingeschrieben bleibt. Tschechien erlaubt individuelle Bildung offiziell in der Primarstufe, mit Genehmigung der Schulleitung und Prüfungen zweimal im Jahr. Italien erkennt Homeschooling als rechtlich geschützte Wahl an — verbunden mit jährlichen Prüfungen; im Alltag berichten Familien allerdings von Reibung mit Schulen, die das Modell kaum kennen. Frankreich hat 2021 die Wende vollzogen: Häuslicher Unterricht braucht seitdem eine jährliche Genehmigung, die nur aus eng definierten Gründen erteilt wird — die Zahl der Homeschooling-Kinder hat sich seither etwa halbiert. Portugal verlangt Registrierung an einer öffentlichen Schule, Prüfungen am Ende jedes Zyklus und inzwischen einen Hochschulabschluss des unterrichtenden Elternteils. Malta hat 2022 ein Home-Education-System eingeführt — genehmigungspflichtig, mit akkreditiertem Programm und nachzuweisender sozialer Einbindung. In Ungarn existiert formal ein „Privatschüler“-Status, der aber sehr restriktiv gehandhabt wird. Die Schweiz regelt alles kantonal: Wo Homeschooling möglich ist, gilt der kantonale Lehrplan — und unterrichtet wird in der Amtssprache des Kantons.
Wo Kinder eine Schule besuchen müssen
In Deutschland, den Niederlanden, Griechenland und der Türkei gilt eine Schulanwesenheitspflicht — Homeschooling ist dort für die eigenen Staatsangehörigen nicht vorgesehen; in der Türkei drohen Eltern sogar Strafverfahren. Zypern kennt keine eigene Homeschooling-Regelung. Spanien ist ein Sonderfall: weder ausdrücklich erlaubt noch ausdrücklich verboten — eine Grauzone, in der Gerichte häuslichen Unterricht schon als „nicht rechtmäßig“ eingestuft haben. Für Griechenland und Zypern kursieren Berichte, dass ausländische Familien geduldet werden, deren Heimatland Homeschooling erlaubt — das sind aber Erfahrungswerte, keine gesicherte Rechtslage.
Der interessanteste Sonderfall: Regeln nur für Staatsbürger
Manche Länder binden die Schulpflicht nicht an den Wohnort, sondern an den Pass. Das deutlichste Beispiel sind die Vereinigten Arabischen Emirate: Die Schulpflicht gilt dort nur für emiratische Kinder — ausländische Familien können frei zuhause unterrichten, und Abschlüsse anerkannter Online-Schulen werden bei einer späteren Einschulung üblicherweise akzeptiert. Auch das türkische Bildungsgesetz spricht ausdrücklich von türkischen Kindern; wie streng die Behörden bei ausländischen Familien tatsächlich sind, ist allerdings nicht klar geregelt — verlassen sollte man sich darauf nicht.
Was heißt das, wenn ihr nur ein paar Monate bleibt?
Fast überall knüpft die Schulpflicht an den Wohnsitz oder „gewöhnlichen Aufenthalt“ an — nicht an die Staatsangehörigkeit. Ab wann ein mehrmonatiger Aufenthalt einen „gewöhnlichen Aufenthalt“ begründet, ist selten exakt definiert und wird im Einzelfall bewertet. Drei Dinge haben sich für uns als entscheidend herausgestellt:
Erstens: Die Schulpflicht des Heimatlandes im Blick behalten — sie endet nicht automatisch mit dem Abflug. Zweitens: Im Zielland prüfen, ob eine Anmeldung vor Ort die lokale Schulpflicht auslöst. Drittens: Eine anerkannte Online- oder Fernschule kann die Bildungsbiografie über Ländergrenzen hinweg sichern — sie ersetzt aber nicht automatisch die örtliche Schulpflicht. Und: Lernfortschritte dokumentieren. Wer Curriculum, Materialien und Ergebnisse vorweisen kann, ist bei jeder Behördenfrage in einer besseren Position.
Die Übersicht
| Land | Modell | Homeschooling (vereinfacht) |
|---|---|---|
| Österreich | Unterrichtspflicht | Erlaubt — Meldung + jährliche Prüfungen |
| Irland | Bildungspflicht | Erlaubt — Verfassungsrang, Registrierung |
| USA | je nach Bundesstaat | Überall legal, Auflagen sehr unterschiedlich |
| Kanada | Bildungspflicht (Provinzrecht) | Überall legal, Auflagen je Provinz |
| England/Wales | Bildungspflicht | Bisher liberal — Registerpflicht im Gesetzgebungsverfahren |
| Polen | Schulpflicht mit Option | Erlaubt — einmalige Genehmigung, jährliche Prüfungen |
| Tschechien | Schulpflicht mit Option | Erlaubt (Primarstufe) — Genehmigung + Prüfungen |
| Italien | Schulpflicht mit Option | Erlaubt — jährliche Prüfungen |
| Frankreich | Schulpflicht | Nur mit jährlicher Genehmigung, enge Gründe |
| Portugal | Schulpflicht mit Option | Stark reguliert — u. a. Hochschulabschluss der Eltern |
| Malta | Schulpflicht mit Option | Seit 2022 möglich — genehmigt + akkreditiertes Programm |
| Ungarn | Schulpflicht | Formal möglich, sehr restriktiv |
| Schweiz | kantonal | Je nach Kanton — Lehrplan- und Sprachbindung |
| Spanien | Schulpflicht | Grauzone, rechtlich ungeklärt |
| Deutschland | Schulanwesenheitspflicht | Praktisch verboten |
| Niederlande | Schulanwesenheitspflicht | Praktisch nicht möglich |
| Griechenland | Schulanwesenheitspflicht | Nicht vorgesehen; Lage für Ausländer unklar |
| Türkei | Schulanwesenheitspflicht | Verboten (Strafandrohung); Gesetz nennt türkische Kinder |
| Zypern | Schulanwesenheitspflicht | Keine eigene Regelung; Lage unklar |
| VAE | Schulpflicht nur für Staatsbürger | Für ausländische Familien frei |
Und jetzt?
Die Rechtslage ist die eine Hälfte der Entscheidung. Die andere ist die Frage, welches Modell zu eurem Kind, eurem Alltag und eurem Lebenskonzept passt — und wie ihr damit umgeht, wenn das Umfeld es besser zu wissen glaubt. Diesen Teil der Geschichte erzählen wir auf unserer Seite Lernen. Und wenn du mit jemandem sprechen möchtest, der den Weg gegangen ist: Melde dich gern.
Stand: Juli 2026. Zusammengestellt u. a. aus Länderanalysen der Home School Legal Defense Association (HSLDA), Gesetzestexten und dokumentierten Reformverfahren; bei Griechenland und Zypern beruht die Einschätzung teils auf Erfahrungsberichten. Rechtslagen ändern sich — dieser Überblick ist eine Orientierung, keine Rechtsberatung. Was für eure Familie gilt, klärt ihr am besten mit Fachleuten für das jeweilige Land.
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